In der Welt der Vintage-Pedale nimmt das Attack Decay eine Sonderstellung ein. Um 1980 brachte Electro-Harmonix einen Effekt mit dem aussagekräftigen Namen "Tape Reverse Simulator" heraus: Die Idee war nicht, das Signal tatsächlich wie ein Band rückwärts abzuspielen, sondern das Gefühl eines "rückwärts ankommenden" Klangs durch eine Lautstärkenhüllkurve zu erzeugen. Das Ergebnis: geglättete Anschläge, progressive Lautstärkeanstiege, künstlich verkürzte Noten und der Eindruck eines "gezogenen" Phrasings, das sofort an Bogen-Techniken oder Studioklänge erinnert.
Die aktuelle Version des Electro-Harmonix Attack Decay bewahrt diese kreative Körnung und die sehr typische "EHX"-Identität, bringt sie jedoch in eine praktischere Form: Speicherfunktionen, externe Steuerung und Effekt-Schleife zur Integration weiterer Pedale direkt in die Hüllkurve. Eine Neuinterpretation, die für heutige Musiker gedacht ist, ohne den experimentellen Charme des Originals zu verlieren.
Das Attack Decay richtet sich an Musiker, die über das traditionelle Overdrive/Delay-Duo hinausgehen und ein Klangformungswerkzeug einführen möchten. Praktisch kann es sowohl als "Signature"-Pedal als auch als subtiler Bestandteil im Mix eingesetzt werden: Es glänzt, wenn man Swells ohne Volume-Pedal, sich allmählich öffnende Arpeggios oder abrupt endende Noten für pseudo-stakkatoartige Rhythmen sucht.
Stilistisch findet es natürlich seinen Platz in Ambient, Post-Rock, Shoegaze, Filmmusik, aber auch im Alternative Rock und moderner Popmusik, sobald man eine "orchestrale" Gitarre möchte. Im Studio ermöglicht es sehr saubere und regelmäßige Schichten (vor allem im Poly-Modus). Live wird es zum Arrangement-Pedal: Ein einfacher gehalten Akkord kann sich in einen hypnotischen Anstieg verwandeln, ohne die rechte Handtechnik ändern zu müssen.
Im Kern der Pedale steht die Manipulation der Lautstärkenhüllkurve mit einstellbaren Attack- (Anstieg) und Decay-Zeiten (Abfall). Diese Kombination ermöglicht "reverse-like" Effekte, progressive Einsätze à la Violine oder sehr kurze, fast perkussive Noten. Die Pedale bietet zwei Trigger-Logiken: Der Mono-Modus verwendet jeweils nur eine Hüllkurve und setzt sie bei jeder neuen Note zurück, was präzises Spiel und klare Phrasen fördert. Der Poly-Modus weist jeder gespielten Note eine eigene Hüllkurve zu - perfekt für Akkorde und Layering mit einem breiteren, "synthesizerartigen" Gefühl bei Überlagerung der Stimmen.
Die integrierte Harmonix Fuzz-Sektion (vollständig regelbar) ist ein echter Mehrwert: Sie kann das Signal einfach verdichten, um die Hüllkurve präsenter zu machen, oder als Basis für einen aggressiven, singenden Klang dienen, der an gestrichene Instrumente erinnert. Ein weiterer Pluspunkt: Die integrierte Effekt-Schleife erlaubt es, eigene Pedale in die Lautstärkenhüllkurve einzufügen. Das ist ein enormer kreativer Hebel: Eine Modulation, ein Delay oder Reverb "innerhalb" der Hüllkurve reagiert anders, als wenn man sie einfach in der Signalkette dahinter platziert, und eröffnet sonst unerreichbare Klangtexturen.
Schließlich ist das Attack Decay auf Ausdruck ausgelegt: Jede Einstellung lässt sich über ein Expression-Pedal oder CV-Steuerung ansteuern. So kann man einen langsamen Swell in einen ultraschnellen verwandeln, eine Lead-Linie in einen Geigen-Effekt umwandeln oder von einer sanften Hüllkurve zu einem scharfen Cut mitten im Stück wechseln. Für schnelle Wechsel in der Praxis können bis zu drei Presets gespeichert und abgerufen werden - praktisch, um von einem rhythmischen zu einem Flächensound zu wechseln, ohne alles neu einstellen zu müssen.
Das klangliche Markenzeichen des Attack Decay ist zunächst eine umgestaltete Attack-Phase: Die Gitarre verliert ihren natürlichen "Pick Attack" zugunsten eines runderen und kontrollierteren Anschlags. Bei längerer Attack-Zeit beginnen Akkorde zu schweben, ideal für luftige Schichten, die Raum für Gesang oder Keyboards lassen. Bei kurzem Decay entstehen schnell abklingende Noten, perfekt, um kurze Bogenstriche oder abgehackte Patterns zu simulieren, dabei bleibt die Spielweise sehr musikalisch.
Der Poly-Modus bringt ein weiter gefasstes Gefühl in Harmonien: Jede Note "atmet" unabhängig, was das Zusammendrückenseffekt bei komplexen Akkorden vermeidet. Mit dem integrierten Fuzz erhält die Hüllkurve eine organischere und texturiertere Dimension: Sustain, Dichte und Körnung verbinden sich zu ausdrucksstarken Timbres zwischen Gitarre, gestrichenen Saiten und Synthesizer. Es ist ein Pedal, das das Spiel belohnt: Durch Anpassung von Attack, Muting und Vibrato wechselt man von ultrasauberen Swells zu roheren, fast filmischen Texturen.