Komponiert im Jahr 1996, fügt sich Evocation II voll und ganz in die Ästhetik von Thierry Escaich ein, einer bedeutenden Persönlichkeit der zeitgenössischen französischen Orgelmusik. Das Werk bietet dem Interpreten ein besonders anregendes Spielfeld mit einer dichten und anspruchsvollen Schreibweise, die das musikalische Material aus verschiedenen Blickwinkeln erkundet - von der harmonischen Konstruktion über Registerkontraste bis hin zu einer sehr feinen Steuerung von Spannung und Entspannung.
Der "sehr moderne" Charakter von Evocation II zeigt sich in einer großen Freiheit der Sprache: Die Tonalität wird genutzt und manchmal herausgefordert, die Harmonien entfalten sich mit einer reichen Palette, und die Pulsation wandelt sich im Rhythmus komplexer rhythmischer Zellen. Dieser Ansatz erzeugt eine Musik, die zugleich architektonisch und lebendig ist, in der jede Idee sich wie in einem beherrschten Improvisationsfluss entwickelt.
Als anerkannter Improvisator überträgt Escaich hier einen Teil dieser Spontaneität in die Komposition: Motive verwandeln sich, melodische Linien verlängern und verdichten sich, und rhythmische Überlagerungen erfordern eine sichere Lesefähigkeit sowie präzise Koordination. Der fortgeschrittene Organist findet hier eine vertiefte Arbeit an Unabhängigkeit, Artikulationsklarheit, Klangebenensteuerung und Aufbau des musikalischen Diskurses.
Für Organisten, die ihr zeitgenössisches Repertoire erweitern möchten, stellt Evocation II eine markante Ergänzung für das Pult dar: ein charaktervolles Stück, ideal, um einem Recital eine aktuelle Note zu verleihen, neue Orgelklänge zu erforschen und eine engagierte Interpretation zu bekräftigen. Eine Partitur, die jene anspricht, die sowohl eine musikalische Herausforderung als auch ein ausdrucksstarkes und erfinderisches Werk suchen.