Im Auftrag von Elsa de Lacerda und Pierre Solot entstand dieses Werk für Violine und Klavier, das in einem musikalischen Ansatz verwurzelt ist, der von der Vorstellungskraft revolutionärer Gesänge genährt wird. Ursprünglich als Variationsserie über einen Gospel gedacht, der mit den Befreiungskämpfen der afroamerikanischen Gemeinschaft verbunden ist, nimmt das Stück schließlich "Untemationale" als Ausgangspunkt, ein besonders fruchtbares Material, da es sich nicht auf ein einziges Thema beschränkt, sondern mehrere musikalische Ideen zusammenführt.
Unter dem Titel "Tabula rasa" spielt das Werk mit der Resonanz einer emblematischen Formel, "Du passé faisons table rase", und richtet zugleich ein ironisches Augenzwinkern an die Bruchparolen einiger Komponisten der Darmstädter Schule. Diese doppelte Referenz erhellt das Hörerlebnis: Tradition und Neuerfindung verschränken sich, als würde man eine Klanglandschaft aus vertrauten, verschobenen und verwandten Fragmenten rekonstruieren.
Der erste Satz entfaltet sich über ein leicht hinkendes Klavierpendel. Dieser Wiegenliedsatz, durchzogen von einem Klingeln, das an Glöckchen erinnert, begleitet ein subtil verfremdetes Thema der "Internationale", als wäre es aus der Ferne gehört oder durch die Erinnerung gefiltert. Der zweite Satz zeigt eine direktere Dynamik: klare Harmonien, scharfe Rhythmen und nervöse Austausche etablieren einen lebendigen Dialog, in dem Violine und Klavier ehrlich, präzise und mit Relief antworten.
Der dritte Satz entfaltet eine Folge von Variationen, mal rätselhaft, mal tröstlich, aufgebaut auf nahen Kanons zwischen den beiden Instrumenten. Die Komposition lässt eine Anspielung auf Arvo Pärt einfließen, Autor einer berühmten "Tabula rasa": Glockenimitationen und Effekte, die den Geist der Tintinnabulation heraufbeschwören, färben die Textur und bieten einen sowohl strukturierten als auch intensiv suggestiven Abschluss.